Private Rentenversicherungen: Lange gespart, doch kaum Rendite. Unser Interview mit der Berliner Zeitung
Für die einen sind sie eine sichere Anlage, für die anderen schlecht angelegtes Geld – private Rentenversicherungen stehen unter Druck. Die Auszahlungssummen liegen manchmal unterm eingezahlten Kapital.
Jahrzehntelang waren sie ein fester Baustein der Altersvorsorge: private Rentenversicherungen. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bestehen in Deutschland rund 46 Millionen private Rentenversicherungsverträge. Mehr als jeder zweite Einwohner Deutschlands hätte demnach eine solche Versicherung. Seit der Finanzmarkt leichter zugänglich geworden ist, sind private Rentenversicherungen in der Beliebtheit gesunken. Erfahrungen von Anlegern zeigen, dass die ausgezahlten Renten oder das erwirtschaftete Vermögen nicht den Erwartungen entsprechen. Wir haben Experten gefragt, wie sie private Rentenversicherungen heute bewerten.
Leistungen von Rentenversicherungen: Garantierte Leistungen im Alter, entweder als monatliche Rente oder einmalige Kapitalauszahlung, sind der Kern einer privaten Rentenversicherung. Außerdem können die Versicherungen durch eine Berufsunfähigkeitsversicherung, eine Pflegerente- oder Unfall-Zusatzversicherungen erweitert werden. Im Todesfall können Angehörige so abgesichert werden. „Das kann sinnvoll sein, wenn man ein Haus gebaut hat“, sagt Klaus Porwoll, Gründer und Inhaber der PecuniArs Gesellschaft für strategische Anlageberatung in Berlin. Einen anderen potenziellen Kunden für solche Versicherungen sieht Porwoll in Menschen, die jedes Risiko scheuen. Diese Zurückhaltung bedeutet auf der anderen Seite, dass das Geld nicht arbeitet. „Private
Rentenversicherungen eignen sich nicht zum Aufbau von Vermögen“, so Porwoll.
Struktur von Rentenversicherungen: Die klassische private Rentenversicherung soll eine lebenslange Rente sicherstellen. „Wer eine Rentenversicherung abschließt, bekommt eine sichere und planbare Altersvorsorge, die garantiert bis ans Lebensende reicht“, sagt Moritz Schumann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des GDV. Für die Versicherungen gibt es einen Garantiezins, den Lebensversicherer individuell auf ihre Produkte gewähren. Er ist mit Wirkung zum 1. Januar 2025 von 0,25 Prozent auf 1 Prozent gestiegen. Es war die erste Anhebung seit 30 Jahren. Bei einer fondsgebundenen Rentenversicherung wird der Sparanteil des Versicherungsbeitrags in einem oder mehreren Fonds angelegt, die der Kunde meist selbst auswählt. Oftmals finden sich auch Mischformen zwischen klassischen und fondsgebundenen Rentenversicherungen, sogenannte Hybridprodukte.
Abschluss einer privaten Rentenversicherung: Beim Abschluss eines Versicherungsvertrags werden viele Parameter festgelegt. Dazu zählen die Prämienhöhe, die Laufzeit, der Rentenbeginn, der garantierte Zins und die Auszahlungsoptionen. „Wählen Sie Ihren Beitrag nicht zu hoch. Sie sollten sich diese regelmäßige Einzahlung langfristig leisten können“, rät Theo Pischke, Rentenexperte bei Stiftung Warentest. Die Stiftung hat vor kurzem private Rentenversicherungen getestet. Die Möglichkeiten, den Vertrag zu gestalten, wurden beim Test eigens gewertet. So ist bei vielen Versicherungen keine Kapitalentnahme während der Ansparphase möglich oder es gibt Beschränkungen auf eine oder zwei Entnahmen. Wer aus dem einmal unterschriebenen Vertragsschema ausschert, muss Einbußen hinnehmen. „Sparerinnen und Sparer, die ihren Beitrag reduzieren oder ihn gar nicht mehr zahlen, kommen nicht auf die einst geplante Monatszahlung im Ruhestand“, sagt Pischke.
Kosten: Ein sensibler Punkt bei privaten Rentenversicherungen sind Kosten. Porwoll nennt drei Posten: Abschlusskosten, oft mehrere Prozent der Beitragssumme, die direkt zu Beginn abgezogen werden. Verwaltungskosten, jährlich laufende Kosten des Versicherers, die die Rendite systematisch reduzieren. Bei fondsgebundenen Versicherungen Fondskosten – je nach Fonds oder ETF zwischen 0,1 und 2,5 Prozent pro Jahr. Stiftung Warentest befand neun von zwölf getesteten Versicherungen hinsichtlich der Kosten als befriedigend oder schlechter.
Auszahlung als Rente: Die Rentenauszahlung hängt von Lebenserwartung, Kosten, Überschussbeteiligung und Rentenfaktor ab. „Nur bei einer sehr hohen tatsächlichen Lebensdauer ist eine Verrentung rechnerisch attraktiv – und selbst dann meist nur begrenzt“, sagt Porwoll. Das entspricht den Ergebnissen von Stiftung Warentest. In einem Rechenbeispiel ging die Stiftung von einer Kundin aus, die 30 Jahre lang 200 Euro monatlich einzahlte – das entsprach einer Gesamtsumme von 72.000 Euro. Bei einer der getesteten Versicherungen müsste die Kundin 92 Jahre alt werden, um mehr Geld zu erhalten, als sie eingezahlt hat. Die garantierten monatlichen Rentenzahlungen lagen zwischen 200 Euro (MyLife Aktiv FGNK+) und 240 Euro (Hannoversche Bausteinrente R4), also kaum höher als die Einzahlungen, trotz des Wertverlusts, den das Geld über 30 Jahre erlitten hat.
Kapitalauszahlung: Porwoll rät dringend dazu, sich für die Kapitalauszahlung zu entscheiden: „Die Kapitalauszahlung ist häufig flexibler, transparenter und langfristig finanziell vorteilhafter.“ Aber auch die Kapitalauszahlung kann zur Enttäuschung werden. Die garantierte Kapitalauszahlung bei den von der Stiftung getesteten Produkten betrug zwischen 67.680 Euro (Allianz PrivatRente Perspektive) und 79.966 Euro (Hannoversche Bausteinrente R4). Während die erste Summe fast 5000 Euro unter den eingezahlten Beiträgen liegt, bedeutet die zweite ein Plus von 7966 Euro. Das entspricht nach einem Zinsrechner des Portals Finanzfluss einem jährlichen Zinssatz von rund 0,68 Prozent. Porwoll spricht bei der Betrachtung der Summen von „Kapitalvernichtung“. „Die Inflation ist höher als die gezahlten Zinsen“, sagt er.
Eine Studie der Deutschen Bundesbank stellte heraus, dass die reale durchschnittliche Rendite klassischer Versicherungsprodukte zwischen 2009 und der ersten Jahreshälfte 2025 bei rund Prozent lag. „Aktien erzielten im gleichen Zeitraum trotz Krisen eine reale Rendite von 5,6 Prozent – ein deutlicher Hinweis darauf, wie groß die Unterschiede langfristig sind“, sagt Porwoll. Prüfung der Verträge: Porwoll erlebt es in seiner Beratung häufig, dass Kunden ihre Verträge über Jahre oder Jahrzehnte nicht prüfen. „Das ist der größte Fehler“, sagt er. Anstatt zu überlegen, ob die Fortführung eines Versicherungsvertrags für sie sinnvoll ist, lassen sie die Akte lieber ungeöffnet. „So kommt es, dass erst beim Rentenbeginn klar wird, dass das ausgezahlte Kapital oder die Rente nicht reichen.“ Die Enttäuschung sei dann oft riesig groß. „Vermögen erwirtschaftet sich durch Zins und Zinseszins“, sagt er. Das sei bei privaten Rentenverträgen nicht möglich.
Autorin: Mechthild Henneke
Dieser Artikel wurde am 23.07.2025 auf berliner-zeitung.de veröffentlicht.

