Rente aufstocken: Wie viel Kapital brauche ich, um 500 Euro monatlich zu entnehmen? Unser Interview in der Frankfurter Rundschau

Die staatliche Rente reicht häufig nicht, um die Lebenshaltungskosten abzudecken.
Wie Ersparnisse sinnvoll eingesetzt werden, um die Lücke zu schließen, erklären Experten.

Rund 1500 Euro Rente plus eine Betriebsrente von etwa 400 Euro – mit diesen monatlichen Einkünften kann Sabine Koch (Name geändert), 66, rechnen, wenn sie im Herbst ihr Arbeitsleben beendet. „Ich habe allerdings eine Miete von knapp 900 Euro, besitze ein Auto und einen Hund“, sagt sie. Bisher war sie Angestellte und verfügte über 3000 Euro netto. Von ihrem Gehalt hat sie in den letzten Jahren einiges gespart, außerdem hat sie kürzlich geerbt. Doch sie ist unsicher, wie sie mit dem Geld umgehen soll. „Ich will nicht, dass das Geld sich aufbraucht, gleichzeitig benötige ich mindestens 500 Euro monatlich“, sagt sie. Ihr Fall ist typisch: Viele Rentner müssen ihre Renteneinkünfte aufstocken, um sich zu finanzieren. Experten erklären, wie das funktioniert.

Lebensunterhalt berechnen

„Es gibt eine klassische Faustregel: Der Lebensunterhalt im Alter liegt bei etwa 70 bis 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens“, sagt Klaus Porwoll, Gründer und Inhaber der PecuniArs Gesellschaft für strategische Anlageberatung in Berlin. Die Idee dahinter: Im Alter entfallen bestimmte Ausgaben, während andere steigen. „Die Fahrtwege zur Arbeit fallen weg, Kleidung fürs Büro muss nicht mehr angeschafft werden, auch monatliche Sparbeiträge werden nicht mehr geleistet“, sagt Marcel Reyers, Certified Financial Planner (CFP) und Geschäftsführender Gesellschafter bei FINAKONS – Finanz Konsilium in Limburg. Auf der anderen Seite werde mehr Geld für Gesundheit, Freizeit und Pflege gebraucht. Ein wichtiger Faktor: Wohnt man als Rentnerin einer eigenen Immobilie oder in einer Mietwohnung? Dieser Aspekt wirkt sich stark auf die laufenden Kosten aus.

Finanzielle Lage klären

Drei Schichten unterscheidet Reyers bei den Einkünften im Rentenalter. „Erstens die gesetzliche Rente und Zusatzrenten wie Rürup – für diese muss ich in der Regel Steuern entrichten sagt er. Als Zweites nennt er die Betriebliche Altersvorsorge, auf diese entfallen auch Kranken- und Pflegeversicherung oberhalb der Rente von derzeit 197,75 Euro. „Schicht 3 sind Lebensversicherungen, Rentenversicherungen und Anlagen wie ETFs – sie sind Sozialabgaben-frei.“ Die finanzielle Situation zu klären ist nicht einfach. Finanzplaner oder Rentenberater bieten Hilfe an. Hier ist auf die Qualifikation der Berater zu achten. Reyers ist von der internationalen Organisation „Financial Standards und Planning Board“ geprüfte Finanzplaner (www.fpsb.de). Bei den Rentenberatern stellen Fortbildungen durch den Bundesverband der Rentenberater die Qualität sicher. Bei der Beratersuche auf rentenberater.de werden die Fortbildungen angezeigt.

Lebenserwartung

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern beträgt zurzeit rund 79 Jahre, die von Frauen rund 83 Jahre. „Auch das Alter, das die Eltern oder Großeltern erreicht haben, kann einen Hinweis auf die eigene Lebenserwartung geben“, sagt Reyers. Bei einem Renteneintritt mit 66 Jahren könne die Rentenzeit durchaus 30 Jahre betragen. Diese Frage ist wichtig, um die vorhandenen Ressourcen richtig einzuschätzen.

Zuschuss planen

Porwoll rät dazu, eher für eine längere Lebenszeit zu planen – für sich selbst hat er 100 Jahre veranschlagt. „Es ist besser, Geld übrig zu haben.“ Der Zeithorizont, mit dem ein Rentner plant, ist individuell. Wissenschaftliche Berechnungen geben aber einen Hinweis darauf, wie lange das Geld reicht. „Die Trinity Studie hat als Faustregel die Vier-Prozent-Formel ausgegeben: Ein Aktiendepot wirft vorsichtig geschätzt im Schnitt vier Prozent Rendite ab. Wenn ich diese Wertsteigerung entnehme, komme ich 30 Jahre mit dem Depot hin“, sagt Reyers. Das bedeutet, um die Rente um 500 Euro im Monat aufzustocken, brauche ich 6000 Euro im Jahr. Das Depot müsste dafür 150.000 Euro groß sein, um sich nicht aufzubrauchen.

Das Finanzinformations- und Analyseunternehmen Morning Star hat die Entnahmerate zuletzt mit 3,7 Prozent beziffert, sodass für 500 Euro monatlich etwa 162.000 Euro notwendig wären. Porwoll rechnet noch etwas konservativer mit einer Rendite um die drei Prozent: „Für 500 Euro monatlich, über 20 bis 25 Jahre benötige ich bei moderater Anlage realistisch110.000 bis 160.000 Euro.“ Wer das Kapital dauerhaft erhalten will oder Steuern und Inflation einrechnet, sollte von 180.000 bis 220.000 Euro ausgehen. „Die Inflation ist ein oft unterschätzter Faktor“, sagt er. Schon bei 2 Prozent Inflation halbiere sich die Kaufkraft in rund 35 Jahren. 2000 Euro monatlich seien in 30 Jahren dann nur noch etwa 1100 Euro wert. Die Frage, ob man das Geld aufbraucht oder erhält, hängt unter anderem davon ab, ob etwas für die Erben bleiben soll.

Verrentung

Beide Berater halten eine strukturierte Entnahme aus einem Depot für besser als eine Verrentung von Vermögen. „Bei der Verrentung fällt das Restvermögen in der Regel an das Versicherungsunternehmen“, sagt Porwoll. Reyers hält eine teilweise Verrentung für eine Option. „Fixkosten sind auf diese Weise immer gedeckt.“ Er rät zu einer Honorarberatung zu dieser Frage, um einen Vertrag ohne laufende Provision für den Makler abzuschließen. „Es gibt günstige Verträge mit 0,35 Prozent Kosten“, sagt er.

Steuern nicht vergessen

Die Rente, aber auch Riester und Rürup sind steuerpflichtig – je nach Renteneintritt ändert sich der Besteuerungsanteil. Auf Zinsen von Geldanlagen wird Abgeltungsteuer fällig. „Der häufigste Irrtum ist, dass bei jeder Entnahme aus dem Depot Steuer anfällt“, sagt Porwoll. Besteuert wird aber nur der Gewinnanteil beim Verkauf – nicht der eingezahlte Betrag. Wer100.000 Euro investiert und 40.000 Euro Gewinn macht, muss auf letzteren Steuern zahlen. „Werden 10.000 Euro entnommen, wird auf 4000 Euro Steuer fällig“, rechnet Porwoll vor. Das seien rund 1020 Euro. Häufig vergessen werde dabei der Sparerpauschbetrag, also der Betrag, der nicht besteuert wird. Für Einzelpersonen beträgt er 1000 Euro, für Paare das Doppelte.

Dieser Artikel wurde im Mai auf fr.de veröffentlicht.

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